Osnabrücker Tageblatt 30. 12. 1954

Die Herrnhuter im Moor
Die vertriebene Brüdergemeine schafft sich in Neugnadenfeld eine neue Heimat

Nordhorn, Ende Dezember
Schwäbische und pfälzische Bauern, Mitglieder der Herrnhuter Brüdergemeine zogen vor hundertfünfzig Jahren aus, um sich in Polen und Pommerellen eine neue Heimat zu bauen. Sie schufen dort blühende Dörfer. Tausende ihrer Nachkommen, Bauern und landwirtschaftliche Handwerker, trieb der zweite Weltkrieg als Flüchtlinge an die deutsch-holländische Grenze ins Bourtanger Moor. Dreißig Kilometer nördlich von Nordhorn, in den Baracken des ehemaligen Emsland-Straflagers Alexisdorf, fanden sie erbärmliche Unterkunft . Aber sie hatten damit wenigstens erreicht, daß sie als weltanschauliche Gruppe mit christokratischer Verfassung zusammenbleiben konnten. Die größte Baracke, die einmal das sogenannte Kasino des Straflagers gewesen war, machten sie zu ihrem Kirchensaal. Er ist seitdem - wie früher die Herrnhuter Kirche im polnischen Leonberg - der Mittelpunkt Ihrer religiös-sozialen Gemeinschaft. Wo viele andere mutlos geworden oder gar verzweifelt wären, machten sich die Herrnhuter an die Arbeit. Die Trostlosigkeit des Moores, die drangvolle Enge und die Armut schreckten sie nicht. Als strenggläubige Pietisten nahmen sie ihr Flüchtlingsdasein als Fügung und Aufgabe hin und gaben so ihrer neuen “Heimat" den Namen Neugnadenfeld. Sie waren entschlossen, dem Moor den Boden abzuringen, der Gehöfte aus Stein tragen und auf dem Roggen und Kartoffeln wachsen sollten.
 
Die Frucht der Selbsthilfe
Seitdem sind fast zehn Jahre vergangen. Ein Viertel der Flüchtlinge ist dem Ruf von Glaubensbrüdern in den Vereinigten Staaten und Kanada gefolgt. Die anderen aber sind in Neugnadenfeld geblieben, mit den Kindern jetzt etwa achthundert Menschen. Einige Dutzend der Männer haben an den Bohrtürmen und Pumpen der emsländischen Erdölgewinnung, in der Wasserwirtschaftsverwaltung oder auch in der Textil- und Kartoffelmehlindustrie der Kreisstadt Nordhorn Arbeit gefunden, und einige Frauen und Mädchen sind jenseits der nahen Grenze bei holländischen Bekleidungsfirmen beschäftigt. Die meisten Männer von Neugnadenfeld arbeiten jedoch bei der staatlichen Moorverwaltung. Sie ziehen Entwässerungsgräben und tragen das Moor ab, unter dem die Sandschicht liegt, die sich in einen nutzbaren Boden umwandeln läßt, auf dem Gras, anspruchslose Feldfrüchte und Windschutzgehölz wachsen können. Die ersten hundertfünfzig Hektar Neukulturland waren 1949 siedlungsreif. Darauf entstanden zehn Vollbauernstellen, Gehöfte mit je sechzig Morgen Land. Die erste Ernte wurde 1950 reif. Als elfte Vollbauernstelle kam später der Hof der früheren Mooradministration Alexisdorf hinzu. Inzwischen wurden auf dem Gelände, das dem Moor in den folgenden Jahren abgerungen worden ist, vierundfünfzig Nebenerwerbsstellen von je sechs Morgen geschaffen, dazu die Handwerkerstellen und Lebensmittelläden, die jede Siedlung braucht, und auch ein Wasserwerk. Aus dem Zusammenwirken von staatlicher Hilfe, kirchlicher Initiative und Selbsthilfe der Flüchtlinge ist so mitten im Moor ein kleines Dorf entstanden.

Zu wenig kultiviertes Gelände
Noch immer aber hausen zwei Drittel dieser ins Moor verschlagenen Menschen in den ehemaligen Strafgefangenenbaracken. Für sie muß noch feste Unterkunft gebaut werden. Das Ziel ist auch bei ihnen die Nebenerwerbsstelle, auf der sich eine Kuh oder eine Ziege und ein bis drei Schweine halten lassen und die so den Rückhalt gibt, wenn sich vorübergehend Arbeitslosigkeit einstellen sollte. Bis dieses Ziel erreicht werden kann, werden noch Jahre vergehen. An weitere Vollbauernstellen ist kaum mehr zu denken. Dazu reicht die Fläche, die mit den Mitteln des Emslandplans noch kultiviert werden kann, nicht aus. Die weitaus meisten Mitglieder der Herrnhuter Gemeine in Neugnadenfeld haben also keine Aussicht, in ihrer neuen Heimat wieder Bauern auf eigener Scholle zu werden, wie sie es ehedem in Polen gewesen sind. Sie müssen sich an anderer Stelle Arbeit und Brot suchen. Da aber beginnt die große Schwierig keit: In Neugnadenfeld gibt es für sie keine Dauer-Arbeitsplätze. Wer heute noch bei der Moorkultivierung beschäftigt ist, wird spätestens Ende 1955 entlassen werden. Was wird dann?

Arbeitslosigkeit droht
In einer verwitterten Baracke, die Gemeindeamt und Pfarrhaus zugleich ist, grübelt der Pastor darüber nach, wie die drohende Arbeitslosigkeit abgewendet werden kann. Dieselben Gedanken macht sich der Oberkreisdirektor vom Landratsamt in der nach dem Kriege durch den Flüchtlingsstrom von 24 000 auf 97 000 Einwohner gewachsenen Kreisstadt Nordhorn (Grafschaft Bentheim). Bisher zeigt sich nur ein kleiner Hoffnungsschimmer, Ein Strumpfwirker aus der So wjetzone will in einer der Baracken eine kleine Strumpfwirkerei einrichten. Aus dem Lastenausgleichsfonds stehen dafür neunzigtausend Mark als Darlehen bereit; weitere sechzigtausend Mark sind durch Spenden aus dem In- und Ausland zusammengekommen. In der Wirkerei könnten acht Männer und zwölf Frauen beschäftigt werden. Aber Neugnadenfeld braucht Arbeitsplätze für mindestens. hundertfünfzig Menschen. Wir haben mit dem Oberkreisdirektor und dem Pastor in der schlichten Pfarrbaracke zusammengesessen und dabei Einblick in ihre Sorgen erhalten. Das Ergebnis war die Erkenntnis, daß Neugnadenfeld am wirksamsten geholfen wäre, wenn ein größeres Industrieunternehmen oder einige kleinere den Mut hätten, arbeitsintensive Teile ihrer Produktion in die Moorsiedlung zu legen. Sie würden dort bei einer überdurchschnittlich günstigen Altersgliederung - die Hälfte der Flüchtlinge ist zwischen 21 und 60 Jahre alt, zwölf Prozent sind Jugendliche und dreißig Prozent sind Kinder - arbeitswillige und zuverlässige, leicht anlernbare Arbeitskräfte vorfinden, dazu Strom, Wasser und Erdgas. Seit dem Frühjahr, als eine Betonstraße fertig geworden ist, ist auch die Straßenverbindung gut. Ein Bahnanschluß ist in der Nähe. Zwischen Siedlung und Bahnhof gibt es eine Autobusverbindung. Der Bahnhof gehört zur Bentheimer Eisenbahn, einem der wenigen privaten Bahnunternehmen, die ohne Zuschuß arbeiten; das hängt mit den Erdöltransporten zusammen. Die Siedlung liegt unmittelbar am Coevorden-Piccardie-Kanal, der die holländische Provinz Drenthe mit dem Dortmund-Ems-Kanal verbindet und auf dem Schiffe von hundert Tonnen fahren können. Für die Einrichtung von Dauerarbeitsplätzen. stünden Eingliederungsdarlehen zur Verfügung. Der Landerwerb wäre nicht schwierig; denn das Gelände gehört dem Land Niedersachsen.

Wer kann Hilfe bringen?
Wir wissen, es gibt in Westdeutschland noch unzählige andere Flüchtlingssiedlungen, die ähnliche Sorgen haben. Wenn wir Neugnadenfeld herausgreifen, dann nicht allein deshalb, weil es sich da um eine weltanschaulich geschlossene Gemeinschaft handelt, deren Mitglieder es als das schwerste Los ansehen würden, wenn sie über das ganze Bundesgebiet hin verstreut würden. Neugnadenfeld scheint uns ein besonders anschauliches Beispiel dafür zu sein, wie unendlich schwer es die Vertriebenen haben, wenn sie in eine Gegend verschlagen worden sind, in der sie sich zwar durch unverdrossene Arbeit ein neues Heim schaffen können, in der es für sie aber keine Möglichkeit gibt, das Brot für sich und ihre Kinder zu verdienen. Staatliche Hilfe allein kann da keinen Ausweg finden: Hier kommt es darauf an, daß sich eine unternehmerische Initiative mit dem Arbeitswillen der Flüchtlinge verbindet. Wer kann solche Hilfe bringen? Das ist die Frage, deretwegen wir das Los der Herrnhuter von Neugnadenfeld hier zu schildern versucht haben.

Osnabrücker Tageblatt 1954

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