DIE ZEIT, Donnerstag, 8. Februar 1951, S. 9 - 10

Neu-Gnadenfeld - ein christliches Wagnis
Siedeln ist Glaubenssache / Von Paul Weymar

Neu-Gnadenfeld heißt die Siedlung der Herrnhuter im Emslandmoor, dicht an der holländischen Grenze. Sie ist ein einmaliger Versuch, das Schicksal der Flüchtlinge auf christlicher Grundlage zu meistern.

In Bremen stieg eine junge Dame zu mir ins Abteil. Da sie nicht mein Typ war, sprachen wir von Politik. „Der kommende Krieg", sagte sie, „wird in den chemischen Laboratorien entschieden!" Und dann setzte sie mir mit großer Zungenfertigkeit auseinander, warum und wieso das der Fall sein würde. Sie war eine Studentin der Chemie, und ihre Brillengläser funkelten in schönem Berufsstolz.

„Und was halten Sie vom Kommunismus?" fragte ich.

Sie winkte ab „Als Ideologie total erledigt", konstatierte sie, „denken Sie nur an die letzten Wahlen in den einzelnen europäischen Ländern. Nein", fuhr sie heftig fort, obwohl ich ihr gar nicht widersprochen hatte, „die Situation ist einfach so: Die Technik hat die Voraussetzungen für eine global-herrschende Weltmacht geschaffen, und diese Möglichkeit drängt zur Realisierung. Das ist der eigentliche Sinn des nächsten Krieges!" Als ich noch immer schwieg, wie zerschmettert von so viel sibyllinischer Selbstsicherheit, glomm ein Funke weiblichen Mitgefühls in ihren Augen auf, und milder setzte sie hinzu: „Und wenn Sie wirklich die kommunistische Idee als Aktivum für den Osten einsetzen wollen, dann haben wir im Westen die Demokratie und das Christentum ...”

In Osnabrück stieg sie aus. Ein älterer Herr in hochgeschlossenem dunklem Mantel und schwarzem Pastorenhut holte sie am Bahnsteig ab. Ich fuhr weiter bis Bentheim. Mag sein, daß der Anblick des geistlichen Herrn diese Assoziation ausgelöst hatte, aber unwillkürlich fiel mir das Bibelwort ein: ‘Sag nicht, wir haben Abraham zum Vater ...’

    *
Mein Reiseziel war Neu Gnadenfeld. Es war eine Fahrt ins Blaue. Der alerte junge Mann auf dem Hamburger Reisebüro hatte vergebens all seine Kursbücher gewälzt und schließlich ebenso fruchtlos das dickleibige Ortslexikon zu Rate gezogen: Neu-Gnadenfeld war in keinem Buch und auf keiner Landkarte zu finden. Es lag irgendwo unter dem weiten Himmel des Emslandes, in der Grafschaft Bentheim. Das wußte ich.

Und ich wußte auch, daß dort oben im Moor aus dem Osten vertriebene Herrnhuter Brüder gesiedelt hatten; Flüchtlinge, die den Versuch gewagt hatten, gemeinsam in christlicher Brüderlichkeit einen Weg aus dem gemeinsamen Elend zu finden und aus der Kraft des Glaubens ein neues Leben zu gestalten. Vielleicht, so dachte ich mir, kann man dort einen Schimmer von jenem verborgenen Reich entdecken, von dem Augustin in seiner civitas dei sprach. Denn ich war keineswegs so überzeugt wie meine jugendliche Reisegefährtin, daß wir im Westen „das Christentum" hätten ...

„Um zu verstehen, was Neu-Gnadenfeld ist, muß man wissen, was früher hier war", sagt der Prediger „Als ich herkam, schien mir’s fast wie ein Stück verfluchter Erde.”

Wir stehen auf dem Russen-Kirchhof im Südosten der Siedlung. Vor uns dehnt sich das Moor bis zum Horizont, eine endlose Fläche in braunen und fahlgrünen Tönen, nur von einzelnen Baumgruppen unterbrochen, eine Landschaft von schwermütiger Monotonie, über der sich hoch und dennoch lichtlos ein dunstig-grauer Himmel wölbt. Die hellroten Dächer der eben fertigen Siedlungshäuser und die schimmernden Gerippe der Dachsparren auf den Neubauten sind die einzigen grelleren Farbflecke. Um uns her aber liegen in ihren Gräbern die toten Russen. Niemand weiß, wie viele. 500 sagen die einen, 5000 die anderen. Gezählt wurden sie nicht, es sind Massengräber, manche schmal, fast wie ein normales Grab, andere beinahe quadratisch; auf jedem aber, mit Moos auf der flachen Erde ausgelegt, das russische Andreas-Kreuz mit den zwei Querbalken. Ein Andreas-Kreuz aus schwarz verwittertem Gebälk ragt auch am Ende des Friedhofs auf, am anderen aber, gleich am Eingang, steht breit und wuchtig ein rosagetönter Zementblock, von Hammer und Sichel gekrönt. Der Sowjetstaat reklamiert noch nachträglich seine toten Seelen ... Alexisdorf, das heute Neu-Gnadenfeld heißt, war während des ganzen Krieges Gefangenenlager. Es gehört nicht viel Phantasie dazu, sich auszumalen, was hier gelitten und wie hier gestorben wurde. Aber der Namenswechsel ist symbolisch.

Wie überhaupt symbolisches Denken typisch scheint für die Geisteshaltung der Herrnhuter, typisch vielleicht für das Denken des religiösen Menschen überhaupt. An dem Tage, als die ersten Brüder das neue Land betraten, fanden sie in ihrem „Losungsbuch" den Tagesspruch: Die Erde ist des Herrn und was darinnen ist, der Erdboden und was darauf wohnt — „Das war Auftrag und Verheißung zugleich", sagt der Prediger, und seine Augen leuchten in einem schönen stillen Feuer.

Freilich — nicht alle nahmen diesen Auftrag an. Viele kehrten um, flohen entsetzt vor der Armut und Öde des Landes, vor der Primitivität der Barackenunterkünfte „Das Land ist so arm, daß sogar die Karnickel  Lebensmittelkarten um den Hals tragen", sagten sie, und der Ausspruch ist inzwischen zum geflügelten Wort geworden. Es gibt noch ein anderes Wort über das Siedeln im Moor, das seit Generationen unter den Einheimischen im Schwange ist, Warnung zugleich und Niederschlag ererbter bitterer Erfahrung: „Den Ahnen holt der Tod, den Vater frißt die Not, der Enkel findet Brot.

Das war die Entscheidung: „Den ersten holt der Tod" oder „Die Erde ist des Herrn". Siedeln oder nicht, war eine Glaubensentscheidung für die Herrnhuter geworden. Viele wichen aus, viele aber blieben. Die Gemeinde Neu-Gnadenfeld zählt heute rund 950 Seelen.

Wenn man durch die Siedlung geht, bemerkt man kaum einen Unterschied gegenüber sonstigen Flüchtlingslagern. Gewiß, da ist die Bautätigkeit, und die allerdings ist beinahe einmalig. Seit 1946 sind drei Handwerker- und zehn Bauernhäuser fertiggestellt worden und 50 Kleinsiedlerhäuschen sind zur Zeit im Bau. Aber alle diese Backsteinbauten liegen außerhalb des eigentlichen Lagerkerns, in dem die triste Armut der Holzbaracken vorherrscht und wo, auch nach Vollendung der 50 neuen Heimstätten zwei Drittel der Gemeinde weiter wohnen bleibt — und wahrscheinlich für lange Zeit weiter wohnen muß, da der kulturfähige Ackerboden zunächst verteilt ist und der Rest noch unter einer meterdicken Sand-Torfschicht begraben liegt.

„Wie sind Sie hierher gekommen? Und weshalb?" frage ich die rundliche Frau, die mir in der kleinen Barackenstube gegenübersitzt. Sie war unter den ersten, die kamen; sie gehört sozusagen zur Mayflower Aristokratie des Lagers. Ihr breites, weiches Gesicht wirkt sehr ostisch, aber sie antwortet in unverfälscht schwäbischem Dialekt.

Was sie erzählt, klingt wie Urvätersaga. Ja, sie stammt aus Schwaben, oder vielmehr ihre Vorväter stammen daher. Sie wären ausgewandert, um 1800 herum, und hatten in Polen eine neue Heimat gefunden, in Leonberg. Dort sind sie zusammengeblieben, Generationen hindurch; eine deutsche Insel im Meer des fremden Volkstums. Aber was sie zusammenhielt, war nicht das Nationalbewußtsein, sondern der Glaube. Herrnhuter Brüder waren als Prediger über die schlesische Grenze gekommen und hatten die Gemeinde „erweckt" zu einem werktätigen Pietismus Zinzendorf scher Prägung.

Schließlich war Leonberg zu eng geworden und hatte Kolonien ausgesät, in der Weichselniederung, in Wolhynien, in Ost- und Westpreußen. Auch die neuen Gemeinden blieben in einer beinah mystischen Verbindung untereinander. Bis dann der Sturm aus dem Osten kam und sie in alle Winde zersprengte.

Und dann geschah das Wunder. Kein Mirakulum im legendären Sinne, gewiß nicht „Aber ist es nicht schon ein Wunder", sagte die Frau, „wenn man erkennen darf, wie der Herr die Seinen führt?" Bischof Steinberg, der Sohn des früheren Predigers von Leonberg, fand Gehör beim niedersächsischen Ministerpräsidenten. Kopf hatte früher einmal in Niesky im Krankenhaus gelegen und war von Diakonissen der Brüdergemeinde gepflegt worden. Von daher kannte er die Herrnhuter und schätzte sie. Zufall? Ach nein, die Frau kennt Zufälle nur aus Gottes Hand. Und wie sie’s erzählt, klingt es fast wie die alte Historie aus dem Buch Esther: ‘Und Gott erweckte des Königs Herz ...’

„Und Ihr persönliches Schicksal?" Nun, sie hatten einen schönen Hof in der Weichselniederung. Die Polen kamen. Ihr Sohn wurde erschossen, ihr Mann verhungert im Lager sie treckte und landete mit ihrer Schwiegertochter bei Bauern in der Celler Gegend. Sie berichtet das ganz nüchtern, ohne Ressentiment und ohne Sentimentalität. Und dann erreichte sie die Kunde, daß die Herrnhuter ein Stück Erde im Emslandmoor zum Siedeln vom Lande Niedersachsen erhalten hätten. Sie hatte es gut bei den Bauern, es ging ihr nichts ab; aber da war die Gemeinschaft in Gottesdienst und Bruderliebe; sie schrieb an Bischof Steinberg und kam.

„Sie können sich nicht vorstellen, wie das damals war", sagt sie „Kein Licht, kein Geschirr; wir kochten in alten Konservendosen, hatten nur nassen Torf zum Feuern und aßen nur, was es auf Karten gab. Wir versuchten, ein Stückchen Land um die Baracken herum mit Spaten zu bestellen. Umsonst. Die Erde war wie tot, sie gab nichts her. Wir gingen zum Bauern in Arbeit, ich spann. Und die Bauern zahlten in Naturalien, mit Kartoffeln, Brot, Speck und Eiern, und sie zahlten gut. Es waren fromme Leute, Altreformierte. Vor jedem Essen wurde ein Kapitel aus der Bibel verlesen und ein langes Gebet gesprochen. Es war Heimatluft dort in den Häusern", sagt sie „Aber das schönste waren doch unsere Gottesdienste. Der Lagersaal war damals noch ganz leer. Wir mußten Schemel aus den Baracken mitbringen, wenn wir sitzen wollten. Der Wind pfiff herein und brachte Torfstaub mit sich, der alles mit einem schwarzen Schleier überzog. Statt Glockengeläuts wurden zwei Eisenschienen aneinander geschlagen— aber schön war’s doch, wunderbar schön!"

„Und was ist aus Leonberg geworden?" frage ich.

„Da müssen Sie Bruder Ruppel fragen", sagt sie „Der war noch bis 49 drüben.”

Bruder Ruppel ist ein kleiner dürrer Mann von Mitte Fünfzig, aber er sieht wie ein hoher Sechziger aus. „Leonberg drüben gibts nicht mehr", sagt er, „Leonberg ist jetzt hier. " Und dann erklärt er mir, daß der Kern der Lagergemeinde aus früheren Leonbergern besteht, ihren Kindern, ihren Enkeln, ihren Verwandten aus den Tochtergründungen. Deutsche aus Polen sind sie alle, aber etwa ein Drittel von ihnen gehörte der Brüdergemeinde noch nicht an. Leonberg selbst hat mit der Besetzung durch Russen und Polen zu existieren aufgehört. Die Höfe wurden enteignet, die Besitzer, soweit sie geblieben waren, in Lager gebracht. Es ist eine Odyssee des Grauens, die er schildert. „Sie schlugen uns mit Gummiknüppeln, wie man Korn drischt", sagt er.

„Gott möge uns davor bewahren", sagt der Prediger, „daß sich eine Legende um Neu-Gnadenfeld bildet. Es menschelt auch hier überall, es gibt Zank und Streit, Neid und Bosheit, und in der ersten Notzeit sind sogar gelegentlich Felddiebstähle vorgekommen. Bisweilen scheint mir’s so", fügt er nachdenklich hinzu, „als glichen manche unserer Flüchtlinge dem Lande, in das wir gekommen sind. Es war totes Land, steriler, sauer gewordener Boden, den wir vorfanden. Etwa 90 Zentimeter unter der Oberfläche hatte sich durch Ablagerung von Mineralien eine feste Schicht gebildet, eine harte dicke Schicht von Rasenstein, die den freien Austausch der Bodensäfte verhindert und die Erde sauer und unfruchtbar macht wie in einem geschlossenen Metallkübel. Der Dampfpflug hat den Rasenstein zerbrochen; aber wer zerbricht den harten Panzer von Verbitterung, Enttäuschung und Resignation, den der Verlust der Heimat und die Wanderjahre durchs Elend um das Herz dieser Menschen gelegt haben? Menschliche Güte allein schafft’s nicht, denn die haben wir von allen Seiten in überreichem Maße erfahren. Es muß beim einzelnen eben die von oben geschenkte Einsicht durchbrechen, daß jede menschliche Gemeinschaft nur aus Gottes Gnade und der Kraft gegenseitiger Vergebung lebt.

Wir sprechen über die politische und wirtschaftliche Organisation der Gemeinde. Zwar gehört Neu Gnadenfeld zur Ortsgemeinde Groß-Ringe, aber es genießt Autonomie, nicht zuletzt dank der Liberalität des Bürgermeisters von Groß Ringe, für den der Prediger nicht genug Worte des Lobes und dankbarer Anerkennung finden kann.

In der Lagergemeinde herrscht ein achtköpfiger Ältestenrat, eine aus demokratischen Wahlen hervorgehende kirchliche Körperschaft, etwa den Kirchenältesten in den einzelnen Gemeinden der evangelischen Landeskirche vergleichbar. Nur daß der Ältestenrat hier auch alle profanen Angelegenheiten mit erledigt. Insofern also ist Neu-Gnadenfeld eine Art Theokratie.

Die schwierigste Entscheidung, die der Ältestenrat bisher zu fällen hatte, war die Auswahl der Siedler für die zehn Bauernstellen und später die Auswahl der 50 Kleinsiedler. Denn qualifiziert waren viele, durch ihre frühere Arbeit auf den eigenen Höfen im Osten, durch ihr Werken im Moor, der vor allem während der RM-Zeit eine von manchem nicht bestandene Charakterprobe darstellte, und last not least durch die freiwilligen und unbezahlten Hilfsarbeiten beim Bau der ersten Häuser. So gut wie alle halfen damals mit, und es muß ein hinreißendes Bild von der Kraft menschlicher Solidarität gewesen sein, wenn auf ein Glockenzeichen Männer, Frauen und Jugendliche aus den Baracken heraus und zu dem zwei Kilometer entfernten Coevorden- Piccardie-Kanal liefen, dort die schweren Ziegelkähne entluden und die Loren auf der Feldbahn ins Lager schoben. Oft bei Fackelschein, bis tief in die Nacht — und das vielfach nach achtstündiger schwerer Arbeit im Moor.

Die Entscheidung des Ältestenrates bedeutete deshalb eine Feuerprobe für die Gemeinschaft. Denn die Siedler waren fortan, materiell betrachtet, eine privilegierte Oberschicht. Sie waren die ersten, die der drückenden Enge des Barackenlebens entrannen. Sie kamen wieder zum eigenen Heim, und die Bauern fanden darüber hinaus eine neue auskömmliche Existenz. Die Größe der Höfe, die ihnen der Staat zu günstigen Bedingungen überließ, betrug 15 Hektar, und das ist selbst im mageren Emsland eine gute Ackernahrung. Gewiß, der Ältestenrat hatte nur ein Vorschlagsrecht; die letzte endgültige Entscheidung lag bei der staatlichen Siedlungsbehörde.

„Und wie hat die Gemeinde diese Feuerprobe bestanden?"

„Im ganzen gut", sagt der Prediger „Wenn’s auch vereinzelt Unzufriedenheit gab.”

Ich kann die Frage nicht länger unterdrücken: „Hätte man nicht versuchen können, eine Lösung zu finden, durch die eine Bevorzugung einzelner vermieden wäre? Etwa auf Grundlage einer Genossenschaft?"

„Wir haben das versucht", sagt er. Und dann bekomme ich die rührende und zugleich erschütternde Geschichte zu hören vom letzten Kampf Fritz Hampkes, eines Mannes, der früher als Leiter der Obstbaugenossenschaft Eden vor den Toren Berlins europäischen Ruf genoß. Man hatte ihn in der Ostzone infam behandelt, obwohl er seinen Posten seit 1922 innehatte und nur nominelles Mitglied der NSDAP gewesen war. Er wurde als Feldhüter angestellt bei dem Unternehmen, das er so lange Jahre und mit so viel Erfolg geleitet hatte. Seine letzte Station war Neu-Gnadenfeld. Er wurde hier Vorsteher der Gemeinde, eine Art Geschäftsführer also, Vollzugsorgan des Ältestenrats. Und in dieser Stellung versuchte der getroffene Mann mit seiner letzten Kraft, ein neues Eden auf dem Moorboden des Emslandes erstehen zu lassen. Er scheiterte — das neue Eden blieb ein Traum, Hampke starb darüber hin.

„Fürchten Sie nicht, daß die neuen Siedler sich einmal von der Gemeinschaft lösen?" fragte ich den Prediger „Vor allem dann, wenn der in Armut verbleibende Teil der Gemeinde Ansprüche an sie stellt, die ja immerhin durch die gemeinsame Arbeit in der Anfangszeit zumindest moralisch begründet sind?"

Er fürchtet es nicht. Auch die Siedler stehen, soweit sie Brüder sind, unter dem Gebot der Nächstenliebe. Und das Lebenselement der Liebe ist die Freiheit. Ein alter Grundsatz der Brüdergemeinde, der unter anderem dazu geführt hat, daß sie keine Kirchensteuer kennen und ihre Abgaben für kirchliche Zwecke auf freiwilliger Selbsteinschätzung beruhen. Zudem würde jede andere Kollektivlösung, wie das Beispiel des Ostens zeigt, die Gefahr des Verlustes dieser Freiheit in sich bergen. Es ist merkwürdig, wie sich, völlig unbewußt natürlich, die Lebenspraxis der Neu-Gnadenfelder Gemeinde den Grundsätzen der katholischen Soziallehre angenähert hat. Privateigentum und Privatinitiative bleiben erhalten, und die gegenseitige Hilfe wird nach dem Prinzip der Subsidiarität geordnet, das heißt: Nur dem wird geholfen, der sich selbst nicht helfen kann.

946 Seelen und 217 Haushaltungen zählt die Gemeinde, 344 Männer und Frauen, stehen in Arbeit, der größte Prozentsatz davon wird bei Kultivierungsarbeiten im Moore beschäftigt, ein weiterer erheblicher Teil arbeitet in den benachbarten Industrien, vor allem der Ölindustrie, die unter dem Schutz einer staatlichen Protektion in den letzten Jahren im Emsland eine ungeahnte Entwicklung erfahren hat. 111 sind Unterstützungsempfänger, 83 davon alte Leute, Arbeitslosenunterstützung beziehen nur 18.  — Auf den ersten Blick ein überraschend günstiges Bild. Aber der Schein trügt. Die Ölindustrie ist arbeitsintensiv nur in der Anfangszeit, wenn neue Bohrungen niedergebracht werden. Dann, wenn die Türme stehen und die Pumpen laufen, genügen wenige Mann zu ihrer Bedienung.

Und auch die staatlichen Kultivierungsarbeiten im Moor rücken von Jahr zu Jahr weiter von Neu-Gnadenfeld fort, der Weg zu den Arbeitsstätten wird immer weiter, die Älteren können ihn schon per Rad kaum mehr bewältigen. Und was nun? Das Siedlungsgesetz verlangt, daß der Neusiedler Brot und Arbeit in der Nähe seiner Wohnstätte findet.

Es gibt nur eine Lösung: Eine bodenständige Neu-Gnadenfelder Industrie! In dieser Richtung laufen die Bestrebungen. Verhandlungen sind im Gange mit staatlichen Stellen, mit der Unitätsdirektion der Herrnhuter in Bad Boll, mit der Firma Abraham Dürninger, die schon einmal, zu Zinzendorf’s Zeiten, die junge Gemeinde vor dem wirtschaftlichen Verfall rettete. Man will eine Leinweberei herziehen, später vielleicht noch eine Zigarrenfabrik. Einstweilen ist das alles noch Zukunftsmusik, — Zukunftsmusik wie die Frage, welche wirtschaftliche Form die Gründung Neu-Gnadenfeld endgültig annehmen wird. Denn auch der neue Vorsteher ist genossenschaftlichen Gedanken keineswegs abgeneigt. Nur daß sie in der Hand dieses christlichen Realisten härtere und realere Konturen annehmen als jener Traum der Urgemeinde: ‘Auch sagte keiner von seinen Gütern, daß sie sein wären, sondern es war ihnen alles gemein’ ...

Der neue Vorsteher plant eine Einkaufsgenossenschaft der Siedler für Saatgut und Düngemittel und eventuell eine Verkaufsgenossenschaft für landwirtschaftliche Produkte. Er hält die Zügel straff in der Hand und wahrt die Interessen der Gemeinschaft gegenüber den einzelnen. Für die Zugmaschine mit Anhänger, die aus einer Schweizer Spende angeschafft wurde, muß eine Benutzungsgebühr bezahlt werden, die in die Gemeindekasse fließt, und der Inhaber der Schreinerei muß für die Maschinen, die gleichfalls aus Spendenmitteln von dänischer Seite bezahlt wurden, Zins und Amortisation entrichten.

Das Bild Neu-Gnadenfelds bietet — ich sagte es schon — auf den ersten Blick kaum einen Unterschied gegenüber anderen Flüchtlingssiedlungen. Und doch, wenn ich von nachhinein die Bilanz eines fünftägigen Aufenthalts ziehe, heben sich in der Erinnerung vier Merkmale heraus, die typisch sind für die Geisteshaltung dieser christlichen Gemeinschaft.

1. Ich habe in der ganzen Siedlung — und ich | habe mit den Neu Gnadenfeldern lange gesprochen — nicht ein einziges böses Wort gegen die „Einheimischen" gehört. Im Gegenteil: nur Lob, Dank und Anerkennung, vor allem für die in der ersten Notzeit geleistete Hilfe. Diese Haltung hat ihren sinnfälligen Ausdruck in der Tatsache gefunden, daß die Flüchtlinge bewußt auf ihre Majorität gegenüber den Einheimischen im Gemeinderat von Groß-Ringe verzichtet und einen der ihnen zustehenden Sitze den altansässigen Moorbauern überließen.

2. Die gegenseitige Hilfe der Gemeindemitglieder ist in einem sonst unbekannten Maß ausgeprägt, und wenn sich auch die heroische Solidarität der Gründerzeit im Augenblick nicht mehr betätigen kann, so sorgen doch feststehende Einrichtungen dafür, daß jenes schauerliche Gefühl der Verlassenheit, die seelische Krankheit der meisten Flüchtlinge, hier nicht aufkommen kann. Ein Hilfsausschuß befaßt sich intensiv mit der Lage jedes einzelnen, der um Hilfe bittet, und ein ‘Frauenbesuchsdienst’ spürt die verschämten Armen auf, die sonst vielleicht den Weg zum Ausschuß nicht finden würden.

3. Der Prediger und der Vorsteher sind in den Baracken wohnen geblieben — eine Feststellung, die zunächst beinah komisch anmuten mag. Aber wenn man bedenkt, welch attraktive Kraft von einer asketischen Führermoral ausgeht, sollte man diesen Punkt nicht unerwähnt lassen. Freilich geschieht das hier gänzlich ohne Pathos und Geschrei, ja, ich bin überzeugt davon, daß man mich gebeten hätte, über diesen Punkt nicht zu berichten; wenn ich ihn auch nur mit einem Wort dem Prediger oder Vorsteher gegenüber gestreift hätte.

4. Bei allen, mit denen ich sprach, herrschte ein Optimismus, dem man sonst, nicht nur in Flüchtlingskreisen, kaum mehr begegnet. Er basiert hier freilich auf der Kraft des Glaubens, daß Gott die Seinen nicht verläßt, und auf jener speziellen Verheißung, die sogar in das Siegel der neuen Gemeinde aufgenommen wurde: Die Erde ist des Herrn ...

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Wie hatte das junge Mädchen in der Eisenbahn gesagt? „Der nächste Krieg wird in den Laboratorien entschieden ...” Ob nicht in der Einöde des Emslandmoores Dinge geschehen, die für die Zukunft wichtiger sind als das, was in den Atomfabriken von Los Alamos und Hamford vor sich geht?

Die Zeit 1951

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